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Aus der Geschichte des Segelgrenzgebietes Robert W. B. Hilgendorf – Teufel aus Stepenitz Schievelhorst bei Stepenitz (heute Stepnica). Hier kam am 31. Juli 1852 am westlichen Ufer des Stettiner Haffes Robert W. B. Hilgendorf zur Welt. Einer der hervorragendsten Kapitäne in der Zeit der großen Frachtsegler. Wie sah das Leben des jungen Hilgendorfs aus? Sicherlich stand er am Ufer der Stepenitzer Bucht und beobachtete gespannt, wie Schiffe durch das Stettiner Haff segelten. Dann lief er zu seinem Vater und überschüttete ihn mit ausführlichen Fragen. Hilgendorfs Jugendzeit war die Blütezeit der Großsegler. Stepenitz entwickelte sich dank der immer größeren Bedeutung des Seeweges von Swinemünde (Świnoujscie) nach Stettin (17.-19.Jh.). Bis heute sind die Pfarrkirche aus dem Jahr 1741 und die um 1840 gebaute alte “Strand Hale Sak” (jetzt das Restaurant “Panorama”) erhalten geblieben. Unverändert blieb auch die prächtige Natur. An diesem Ort breitet sich das Untere Odertal aus und bildet die Oderklamm.
In seiner Kindheit waren das Schiff seines Vaters und der Hafenkai an der Mündung des Flusses Gowienica für Hilgendorf die wichtigsten Plätze auf der Erde. Hier legten kleine Schiffe an, auf die vorwiegend Stückgüter, d.h. Kalkstein aus der hiesigen Kalkbrennerei, Holz, Schnittholz aus dem örtlichen Sägewerk und Torf vergeladen wurden. Hier sicherlich musste auch das Schiff anlegen, dessen Kapitän Hilgendorfs Vater, der Torffahrer, war.
Bereits als Kind lief Robert mit dem Vater auf seine ersten Reisen auf der Oder und dem Stettiner Haff aus. Wie selbstverständlich erlernte er die Seemannschaft. Mit 12 Jahren durfte er die Wache übernehmen und das Schiff selbstständig steuern. Während der Liegezeiten wanderte er an den Kais der besuchten Häfen umher und lauschte den Geschichten der Seeleute. In ihm reiften die Träume von langen Reisen. Vollmatrose Hilgendorf 1868, im Alter von 15 Jahren, verlässt er seinen Heimatort. Zwei Jahre lang (1868-69) fährt er auf der Bark “Freitag” aus Ueckermünde. Er segelt auf der Ost- und Nordsee. Das Jahr 1869 ist für ihn entscheidend. Er macht die erforderliche Ausbildung und wird Vollmatrose. Er wird der ungeheuren Arbeit an Bord, samt Reparaturarbeiten, gerecht. Im selben Jahr heuert er auf der “Doktor Barth” in der Hamburger Reederei Sloman (1869-70) an. 1871-1872 fährt er auf der “Wapphäus”, auf der er zum ersten Mal Kap Horn umrundet, auf der “Prinz Albert” und “Teutonia”. 1873 tritt er den Dienst bei der Kaiserlichen Marine auf der Korvette S.M.S. “Augusta” an. Am eigenen Leibe erfährt er die Animositäten zwischen der Kriegs- und Handelsmarine. Trotzdem avanciert Vollmatrose Hilgendorf wegen seiner außerordentlichen Fähigkeiten innerhalb von zwei Jahren vom durchschnittlichen Mannschaftsmitglied zum Bootsmannsmaat auf. Ab 1876 besucht Hilgendorf die Navigationsschule in Altona. Mit Auszeichnung besteht er die Steuermannsprüfung. 1877 heuert er auf dem Dreimastschoner “Nautik” an. Während der zwei Jahre an Bord des Schiffes kann Hilgendorf seine theoretischen Kenntnisse in der Praxis prüfen und vertiefen. Oft vertritt er den erkrankten Kapitän und trifft selbstständig Entscheidungen. Der 29. August 1879 gehört zweifellos zu den wichtigsten Tagen in seinem Leben. Er legt mit Auszeichnung die Kapitänsprüfung in der Navigationsschule in Altona ab. Das ist der Beginn einer außergewöhnlichen Karriere. Flying-P-Liner Die Arbeit für Ferdinand Laeisz, einen sich eines äußerst guten Rufes erfreuenden Hamburger Reeder, war für viele junge Kapitäne die Verwirklichung beruflicher Träume. Seine Reederei besaß eine Flotte der sog. Windjammer, der großen Segelschiffe der Nachklipperzeit, die hauptsächlich zur Beförderung von Massenladung von einem Kontinent zum anderen Verwendung fanden. Die besten Flottenverbände hatten Rümpfe und Masten aus Stahl, Stahlseile zur Takelung und mindestens fünf Rahsegel pro Mast. Sie waren mit Dampfwinden zur Segelsetzung ausgerüstet, wodurch die Mannschaft nicht allzu zahlreich sein musste (ca. 40 Personen). Sie hatten keine Hilfsantriebe. Es waren pure Segler – mehrmastige Barken. Und trotz dessen, dass nach 1880 Dampfschiffe begannen, den Platz der Segelschiffe einzunehmen, waren sie dennoch nicht in der Lage, für die Flying-Liner Laeisz eine Gefahr darzustellen.
Im Jahre 1879 wird R. Hilgendorf zur Arbeit bei F. Laeisz angenommen. Anfangs fährt er als Offizier auf den Barken “Parnass” und “Panama” (1879-1881). Mit 29 Jahren, 14 Jahre nachdem er seine Heimatstadt Stepenitz verlassen hat, wird er Kapitän eines Segelschiffes bei einem der angesehensten Reeder auf der ganzen Welt. Er übernimmt das Kommando über die Bark “Parnass”. Nach vier glücklichen Reisen übernimmt er die zweimal größere eiserne Bark “Parsifal” – und erlebt eine Tragödie. Im schweren Sturm noch vor Kap Horn geht die Kohlenladung über Bord, das Schiff kentert und sinkt. Doch Kapitän und Mannschaft können sich retten. Während des über zwanzigjährigen Dienstes kommandiert er neun Segelschiffe Flying-P-Liner: “Parnass”, “Pasifal”, “Professor”, “Pirat”, “Pergamon”, “Palmyra”, “Placilla”, “Pitlochry” und “Potosí”. Er befährt die Route von Europa in die chilenischen Häfen. 66 Mal umrundet er Kap Horn. Sein Name steht bald in chilenischen Schulbüchern, und wenn ein Chilene gefragt wird, welche berühmten Deutschen er kenne, ist die Antwort meistens: “Kaiser Wilhelm, Fürst Bismarck und Kapitän Hilgendorf”. “Potosi”. Geflügelter Traum
1895 wird bei Joh. C. Tecklenborg in Geestemünde mit dem Bau eines neuen Flaggenschiffs für Laeisz begonnen. Die Fünfmastbark wird vom genialen Konstrukteur Georg W. Claußen entworfen. Die Bauaufsicht wird dem zukünftigen Kapitän des Schiffes anvertraut. Hilgendorf nimmt einen wesentlichen Einfluss auf den Entwurf und auf den Bau des optimierten Seglers. Der Grundriss des Rumpfes entspricht seinen Vorschlägen. Am 26. Juli 1895 läuft die “Potosi”, die erste deutsche Fünfmastbark mit einer Gesamtlänge von 132, 89 m, einer Segelfläche von 5240 m2 und einer Verdrängung 4026 BRT, mit ca. 40 Mann Besatzung an Bord aus der Wesermündung auf ihre erste Reise nach Chile aus. Die “Potosi” wurde das wirtschaftlich erfolgreichste Segelschiff des Reeders. Kapitän Hilgendorf kommandierte sie in den Jahren 1895-1901. So schnell wie möglich R. Hilgendorf hielt sich besonders gewissenhaft an das Prinzip: "Im Interesse der Firma immer so schnell wie möglich”. Es gab auch solche, die seinen Kommandostil fürchteten. Unter schweren Wetterbedingungen verschwanden Vor- oder Achterschiff in den aufgewühlten Wellen, bevor die Besatzung es fertig brachte, die Segelfläche zu reduzieren. Die meisterhafte Beherrschung der Seemannschaft und Glück waren Hilgendorfs Trümpfe. Im Laufe der Zeit wird er einer der populärsten Laeisz-Kapitäne. Er verwirklicht, die für jene Zeiten, irrealen Träume seines Reeders: Er macht zwei Rundreisen nach Chile pro Jahr. Auf den Reisen erzielt er erstaunlich hohe und vor allem gleichmäßige Geschwindigkeiten. Die Durchschnittsdauer der Reise von Hamburg nach Chile (11 440 Seemeilen (1 sm entspricht 1852 m)) beträgt in seinem Falle 70 Tage für die Hin- und 75 Tage für die Rückfahrt. Zu dieser Zeit galt die 90-Tage-Fahrt auf dieser Route bereits als sehr gut. Die Durchschnittsgeschwindigkeit der “Potosi” bei Vollladung betrug zwischen 7-8 Knoten. Ein etwas hinkender, aber doch interessanter Vergleich: 103 Jahre später, bei der Daimler-Chrysler North Atlantic Challenge 2003, erreichen nur wenige Regattayachten eine Durchschnittsgeschwindigkeit von über acht Knoten. 1892 auf seiner ersten Reise mit der “Placilla” stellt Hilgendorf eine Bestleistung mit 58 Tagen für die Strecke Leuchtturm Lizard – Valparaiso (Chile) auf. Vom 14.05.1898 bis zum 15.07.1898 segelt er von der Insel Wight nach Valparaiso binnen 60 Tagen, was die beste Fahrt des Jahres war. Das sind nur einige der Leistungen, die die Kunst des Kapitäns bestätigen. Der Ruf der schon damals legendären “Potosi” brachte Kaiser Wilhelm II. zum Besuch am Bord des Schiffes am 18. Juni 1899 anlässlich einer Regatta in der Elbmündung bei Cuxhaven. Im nächsten Jahr legt die “Potosi” die Strecke von 1606 Seemeilen innerhalb von 5 Tagen zurück. Ende des “Goldenen Zeitalters des Segelschiffe” Im November 1901, im Alter von 50 Jahren, lehnt Hilgendorf das Angebot, die Fregatte “Preussen”, den größten Rahsegler der Welt und das Flaggenschiff des Reeders Laeisz, als Kapitän zu übernehmen, ab. Er geht an Land. In den Jahren 1901-1928 arbeitet er als Experte für Seeversicherungsgesellschaften. Er ist Zeuge vom Ende der Goldenen Zeit der Handelssegelschiffe. Anfang des 20. Jahrhunderts waren die Häfen von den Wolken der Dampfer beherrscht. Kapitän Hilgendorf stirbt am 4. Februar 1937 in Hamburg. Er geht als einer der hervorragendsten Kapitäne der Zeit der großen Frachtsegler in die Geschichte ein. Man sagte über ihn, er sei, “ein kluger, stolzer und energischer Kapitän. Ein Mann von altem Schrott und Korn, für das Neue aufgeschlossen. Ein großer Charismatiker." Vom Kaiser Wilhelm II. wurde er “Altmeister unserer stolzen Segelschifffahrt” genannt. } Bearbeitung: Sebastian Sahajdak, Übersetzung: Magdalena Roszko Fotos: Monatsschrift “Yacht”, Nr. 1/2004, H-G Kiesel (O. L.), Privatarchiv (U. R.) Von einer Reise Hilgendorfs Auf der Höhe von Kap Horn erblickte der von Chile zurückkehrende Hilgendorf den durch seine Schnelligkeit berühmten Klipper “Climba”, auf dem Kapitän J. W. Holmes von Australien nach Europa fuhr. Alle Mann der “Potosi” kannten sehr gut das Temperament ihres Kapitäns. Trotz des stürmischen Wetters wurden alle Segel beigesetzt. Drei Tage lang fuhren sie auf gleicher Höhe. Man beobachtete argwöhnisch jedes Manöver des Gegners. Am Abend des 30. November 1895 verliert Kapitän Holmes Hilgendorfs Segler aus den Augen. Die Fahrt verlief unter wahrhaft günstigen Bedingungen. Am 17. Januar 1896 befindet sich die “Climba” auf der Höhe von Lizard. Die Mannschaft hofft die “Potosi” hinter sich gelassen zu haben. Die bittere Wahrheit erkennt sie erst in London. Hilgendorf war schon seit einer Woche in Hamburg. 15 Tage vor dem Rivalen zeigte er das Unterscheidungssignal dem Leuchtturm Lizard. Man erklärte ihn zum “Teufel von Hamburg”. Das Geheimnis seiner Erfolge war, dass er als einer der ersten Schlüsse aus den heute allgemein bekannten wissenschaftlichen Erkenntnissen zog, wie zum Beispiel, dass der schnellste Weg zum Ziel nicht der kürzeste sein muss. Mit gesammelten Daten über das Wetter legte er den Grundstein für die damals unbekannten Werkzeuge der Wettervorhersage. 1883 und 1898 reichte er dem Deutschen Seeobservatorium in Hamburg 16500 durch Beobachtung erworbene Erkenntnisse ein – Grundlagen der methodischen Auseinandersetzung mit der Meteorologie.
Quellen: Svante Domizlaff, Master and Commander, Deutsche Monatschrift “Yacht”, Nr. 1/2004, ff. 42-47 Hans-Georg Prager: F.Laeisz- Vom Frachtensegler zum Kühlschiff Containerschiff und Bulk Carrier, Koehler Verlag Herford 3. Auflage 1994, S. 57 Guláš Štefan, Żaglowce, Warszawa 1985 WWW-Seiten: http://www.bruzelius.info http://www.jocham-schiffe.de http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Hilgendorf http://www.mare-germanicum.de http://www.laeisz.de
*** Quellen: Pommersche Rundschau 04(05)2006, S. 22-23 - Das Institut für Deutschland und Nordeuropa in Szczecin
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